Grundsteinlegung

Ansprache von Michail Sergejewitsch Gorbatschow
zur Grundsteinlegung
des Europäischen Kunsthandwerker-Institutes
am 19. September 1996

 

Lieber Horst Wrobel,
liebe Einwohner und Gäste der Stadt Gifhorn,

es ist mir eine große Freude und ein großes Vergnügen, Sie wieder zu sehen und mit Ihnen einige Stunden in dieser wunderbaren Ecke von Niedersachsen zu verbringen. Ich bin einfach begeistert von dem, was hier in einem früheren Moorgebiet geschaffen worden ist. Wie viel kann ein einziger Mensch leisten! Neben ihm erscheinen gleich viele Helfer.

Wir befinden uns unter dem tiefen Eindruck all dessen, was wir hier gesehen und gehört haben. Das ist kein Museum im herkömmlichen Sinne. Dieses ist ein Museum der lebendigen Geschichte. Ich habe eben dort im Sessel gesessen und auf die Kinder in ihren schönen Trachten sowie auf die Kulisse, die Dekoration geschaut und ich habe mich gefragt: Wo sind wir hier eigentlich, in welchem Jahrhundert?

Herrlich. Das Leben ist herrlich. Herrlich sind die Taten unserer Generation, die darauf gerichtet sind, unsere Erde zu schützen und schöner zu machen. Heute sprechen wir von einer neuen Zivilisation und machen uns Gedanken darüber, ob wir darauf vorbereitet sind. Es wächst aber nichts auf einem leeren Platz. Und die Kulturschichten, die wir bewahren, und all das, was wir erleben, ändert den Menschen. Wir alle sind ja erfahrene Menschen. Aber man spürt, dass etwas in einem vor sich geht, wenn man hier an diesem Ort ist.

Ich danke dem genialen Menschen Horst Wrobel – und zwar in folgender Hinsicht: Zu solchen Gedanken, Plänen, Visionen und Leistungen muss erst einmal einer fähig sein. Und man muss erst einmal einen so guten Draht zu anderen Menschen haben, eine so offene Einstellung zu anderen Kulturen. Das ist das, was wir brauchen.

Alles ist sehr einfach. Wenn hier eine slawische Kirche entsteht, die von einfachen Menschen aus verschiedenen Ländern gebaut wird und bei der Horst selbst mit Hammer und Axt und viele Tage mitgearbeitet hat, dann lassen Sie uns daraus eine große Lektion für die Gegenwart ziehen: Wir haben ein sehr schönes, aber schwierig zu erreichendes Projekt: das vereinte Europa, das wir alle so sehr brauchen. Es ist das gemeinsame Haus Europa.

Vielleicht sollte dieses Ziel auch so wie hier erreicht werden. Wir müssen in gesamteuropäischen Kategorien denken. Und wir müssen konkrete Dinge tun. Ich gehöre zu den Befürwortern von Europa und bin sehr für die Verwirklichung dieser Idee. In den letzten Tagen haben wir hier auf deutschem Boden sehr viel über dieses Thema gesprochen. Es ist aber an der Zeit, dass wir beginnen, die vorhandenen Projekte endlich zu verwirklichen, sonst besteht die Gefahr, diese phantastische Idee Europa, die den Menschen eine großartige Perspektive eröffnen kann, zu zerreden.

Ich hatte heute die Ehre und die Möglichkeit, drei Glockenschläge zu vollbringen. Für mich war das eine symbolische Tat. Unsere Kirchen können auch zusammenarbeiten, Verständnis entwickeln, Hilfe leisten und zur Annäherung unserer Völker beitragen. Und nun haben wir den Grundstein für das Kunsthandwerker-Institut „Die Brücke“ gelegt, in dem sich Menschen aus verschiedenen Ländern begegnen werden, um anschließend wieder auseinander zu gehen und nach Hause sowie in andere Länder zu fahren. Sie werden neue Kenntnisse, neue Erfahrungen und vor allem die Fähigkeit mitnehmen, gemeinsam zu leben, sich des Lebens zu freuen und es schöner zu machen.

Liebe Freunde, Vertreter der Räte und Verwaltungen aus Niedersachsen, ich bin Ihnen sehr dankbar dafür, dass Sie die Idee von Horst Wrobel so stark unterstützt haben. Ich kenne diesen Menschen und seine Fähigkeiten und ich bin absolut sicher, dass dieses Institut zustande kommt. Wollen Sie ihm bitte keine zusätzlichen Probleme schaffen. Möge seine einzige Sorge sein, das Institut möglichst schnell und frohgelaunt zu errichten.

Ich selbst gehörte früher der Partei- und Staatsführung (Nomenklatura) an. Da gibt es wenige Menschen, die aufflammen können und gute Ideen hervorbringen. Es gibt viel mehr Fachleute dafür, Knüppel in die Speichen der Räder zu stecken. Ich spüre, wie Sie auf diese Bemerkung reagieren. Die Bürokratie ist ein weiterer allgemeinmenschlicher Wert. Das muss man auch berücksichtigen.

Ich gratuliere uns allen zu diesem Treffen. Ich glaube, wir haben unseren Freund, den Erfinder und geschäftstüchtigen Menschen Horst Wrobel, etwas unterstützt. Bis heute habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was ich als Schirmherr eigentlich zu tun habe. Jetzt weiß ich, was ich tun muss, aber heute sage ich noch nichts darüber.

Vielen Dank an alle, die hierher gekommen sind, um dieses Ereignis zu feiern.

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